Gian Franco – Leben im Knast

Er ist wie ein Fels in der Brandung im hecktischen Knastleben, Anlaufstelle für jene, die von den Drogen nicht loskommen. Als verurteilter Verbrecher hat er aber auch selber einen Prozess des Wandels durchlaufen, der ihn zu dem Menschen macht, der er heute ist. In einem Gespräch erzählt mir Gian Franco von seinem Weg.


NN: Wie lange bist du schon hier in San Juan de Lurigancho?
GF: Von den 15 Jahren Haftstrafe habe ich heute 12 Jahre und 11 Tage abgesessen. Ich gehörte zu denen, die täglich Drogen brauchten, um zu vergessen, dass ich eine Ewigkeit hier sein werde. 

NN: Was war in den Jahren für dich die eindrücklichste Erfahrung?
GF: Draußen wirst du dafür bestraft, wenn du Drogen hast, verkaufst und konsumierst. Hier beschützen dich die Anderen, wenn du auf Droge bist. Sie ist hier für viele so normal wie das tägliche Brot.Ich bin 2002 das erste Mal ins Therapieprogramm ANDA von der kath. Kirche gekommen. War dann anderthalb Jahre clean und bin dann wie so viele wieder zurück in meinen Block gegangen, um erneut zu konsumieren. Aber da hatte sich meine Sicht auf die Dinge geändert. Außerhalb der therapeutischen Gemeinschaft zählst du als Person nichts, es war ein großer Rückschritt und so bin ich schnell wieder zurückgekommen zu ANDA. Hier beeindruckt mich der menschliche Umgang miteinander. 

NN: Was ist deine Aufgabe bei ANDA?
GF: Ich bin dafür zuständig alle jungen Männer, die zu uns kommen, um von der Droge loszukommen zu befragen. In einem ersten Kontakt zu schauen, ob sie wirklich bereit sind an sich zu arbeiten. Ich höre zu und erzähle auch von mir und meinen Erfahrungen. Sie hören mir zu, weil ich einer von ihnen bin und gleichzeitig respektieren sie mich als Autorität. Dann bin ich auch verantwortlich für die erste ambulante Phase der Therapie in der die Jungs noch in den Blöcken leben und nur tagsüber zur Beschäftigung und Gruppentherapie zu uns kommen.

NN: Wie sieht dein Tag aus?
GF: Ich habe festgestellt, dass der Tag schneller vorüber geht, wenn ich zu 100% beschäftigt bin. Die Drogen machen faul und die Zeit zieht sich nach dem Rausch wie Kaugummi. Heute bei ANDA stehe ich um 6:30Uhr auf und kümmere mich zuerst um unsere Hasen. Wir züchten sie zum Verkauf von Jungtieren und auch zum schlachten. Um 7:00 Uhr bin ich in der Keramikwerkstatt. Was ich dort herstelle hilft mir, mein Leben zu finanzieren und meine Mutter zu unterstützen. Um 8:30Uhr geht’s unter die Dusche und zum Frühstück. Ab 9:00 Uhr kommen die Jugendlichen zu den Interviews. Im Moment haben wir leider keine Betten frei, um neue aufzunehmen. Die Therapiegruppe beginnt dann um 11:00 Uhr und um 13:00 Uhr ist das Mittagessen. Die Therapie geht dann um 14:30 Uhr weiter und danach töpfere ich noch bis um 17:00 Uhr. Dann geht es an die Fitnessgeräte, denn mein Körper ist mir jetzt wichtig im Gegensatz zu früher. 19:00 Uhr Abendessen und danach noch ein wenig töpfern. Ab 21:00Uhr lese ich etwas oder denke nach und um 22:00Uhr gehe ich schlafen.

NN: Was sind deine Ziele im Leben, wovon träumst du?
GF: Ich würde gerne auch nach der Entlassung hier bei ANDA arbeiten und andere auf dem Weg der Veränderung begleiten. Mein Ziel ist es Psychologie zu studieren, denn das wird mir bei dieser Arbeit helfen. Ich träume davon eine Familie zu gründen und dazu möchte ich neue und andere Freundschaften knüpfen als die, die ich als Jugendlicher hatte und die mich letztlich hierher geführt haben.

NN: Meine Rundbriefleser und ich wünschen dir dafür viel Erfolg und Gottes Segen! Danke, Gian Franco für dein beeindruckendes Zeugnis.