Auszug aus einem Reisebericht

Zum Abschluss unserer PERU-Reise steht ein „Besuch“ im Gefängnis San Juan de Lurigancho an. Es ist das größte Männergefängnis in Lateinamerika. Seit Februar 2010 ist Pastor Norbert Nikolai hier als Seelsorger tätig.
Dieses Gefängnis ist für ca. 2000 Männer gebaut. Zurzeit leben dort ca. 8000 bis 10000 Männer – dem gegenüber steht nur eine geringe Zahl an Justizbeamten. Die eigentliche Verwaltung liegt in der Selbstorganisation der Häftlinge. Gegen Bezahlung/Bestechung werden Schlafplätze, Essen und Drogen verteilt. Die Korruption ist ein großes Problem hier im Gefängnis – selbst Hafterleichterungen, Gerichtsbescheide oder gar Gutachten fallen durch Schmiergelder günstiger aus. Unser Rundgang führt uns durch die Gefängniszellen - die natürlich riesig überbelegt sind - und durch das Außengelände, auf dem zum Teil ein reger Handel stattfindet mit allem was fürs tägliche Leben gebraucht wird, z.B. Lebensmittel, Waschmittel, Seife, selbst hergestellte Bastelarbeiten, usw. Auf der anderen Seite liegen dann in Staub und Schmutz, mit sehr verdreckten Wolldecken zugedeckt, voll mit Drogen, die Gefangenen, die aus ihren Zellen heraus geworfen wurden, weil sie sich nicht an die „Spielregeln“ in ihrem Gebäudetrakt gehalten haben. Diese Gefangenen sind dann wirklich die unterste Schicht hier im Gefängnis San Juan de Lurigancho – keine Chance auf Resozialisierung. Es ist wirklich ein menschenunwürdiges Leben.
Ähnlich arg trifft es dann auch die psychisch erkrankten Straftäter. Sie waren bis vor kurzem auch diejenigen, die ziemlich hinten anstanden. Diese Station befindet sich im Kellergeschoß - erst das Seelsorgeteam hat dafür gesorgt, dass die Räume renoviert wurden, dass eine Küche eingerichtet wurde um diese Männer mit Lebensmittel zu versorgen – denn diese Versorgung mit Speisen war vorher nicht selbstverständlich. Auch hier wird Korruption großgeschrieben – gegen gute Bezahlung kann ein Straftäter von dem hier tätigen Psychologen ein einwandfreies Gutachten bekommen und ist ziemlich rasch wieder frei, selbst bei schwerstem Vergehen.
Reisebericht320Ist kein Geld vorhanden, konnte es auch schon einmal vorkommen, dass man hier unten im Keller vergessen wurde. Es ist wirklich von unvorstellbarem Wert, dass das Seelsorgeteam es sich mit zur Aufgabe gemacht hat, hier in diesem Gebäude für die psychisch kranken Straftäter zu sorgen, damit sie wenigstens ein einigermaßen menschenwürdiges Leben haben, niemand mehr „vergessen“ wird und die Korruption sich etwas in Grenzen hält. Pastor Norbert Nikolai führt uns in einen ganz anderen Teil des Gefängnisses, hier ist es wie auf einer kleinen grünen Insel – sehr ruhig, mit liebevoll angelegten Blumen- und Kräuterbeeten. Drogenabhängige Straftäter, die sich freiwillig zu einem Drogenentzugsprogramm entschieden haben leben hier. Die Caritas und das Seelsorgeteam begleiten diese Männer in verschiedenen Stufen im Programm. Diejenigen, die bis zur letzten Phase durchgehalten haben, wohnen zusammen - gesondert von den anderen Gefangenen - in einem Gebäude und werden dort intensiv betreut. Hier direkt am Haus befindet sich dann auch der Garten, für dessen Erhaltung die Männer zuständig sind. Aber es gibt auch andere Angebote, die dann helfen, das Drogenentzugsprogramm durchzustehen. Im Block 21 haben wir mit Pastor Norbert Nikolai und den Gefangenen eine Messe gefeiert. Es war schon eine ganz besondere Atmosphäre – sehr beeindruckend und innig habe ich das Austauschen des Friedensgrußes empfunden. Es ist doch etwas Besonderes an einem solchen Ort.
Unseren Besuch im Gefängnis San Juan de Lurigancho werden wir so schnell nicht vergessen!!