Traumziel Perú?!

Peru ist ein reiches Land. Reich an Stränden, an vorkolumbianischen Kulturschätzen, ein Land reich an Bodenschätzen und diversen Klimazonen, eine Bevölkerung reich am kulturellen Erbe verschiedenster Ethnien und reich an einer beherzten Gastfreundschaft. Und ich darf als Priester dort arbeiten, wo andere Urlaub machen oder ein Leben lang ihre Sehnsucht in Traumziele wie Machu picchu projizieren. Die Exotik des Urlaubs wird mir jeden Morgen genommen von den stinkenden Lastwagen mit Ziegelsteinen, die vor mir her knattern und den Weg zum Männergefängnis doppelt lang machen. Sie wird ruiniert vom Polizist, der meinen Passierschein für den Knast dreimal wendet, weil die Wachposten hier fast jeden Monat wechseln und noch nicht wissen, dass man vom Padre kein Bestechungsgeld für besonders schnelles Durchlassen bekommt. Man lebt als sogenannter „Gringo“ in so fernen Landen wie Peru unter erschwerten Bedingungen, aber doch irgendwie relaxter als im gestressten Deutschland.
Wenn ich den Bibelkurs im Gefängnis begleite, dann erfahre ich ganz viel Dankbarkeit, dass sich jemand um diese Männer dort kümmert. Auch wenn theoretisch 7000 Gefangene einen Priester in Beschlag nehmen könnten, präsentieren sich irgendwie die schwersten Fälle immer nach und nach und gut begleitbar. Ein Netz von Ehrenamtlichen geht Problemen mit der Gesundheit oder der Rechtsprechung nach.
Der Tag im Knast ist intensiv und geht von 9 bis 16 Uhr. Aber dann gibt es auch Gelegenheit für mich am Reichtum Perus zu partizipieren. Die unendlich leckeren und vielfältigen kulinarischen Kostbarkeiten der 10 Millionen Metropole, der Strand im Sommer und die Sauna und der Club im Winter, Freunde, deren Türen offen stehen, Gottesdienste mit vielen Kindern in den Elendsvierteln am Rande  – all das sind Punkte, die mir einen Ausgleich zur alltäglichen Arbeit geben.

Es stimmt schon, dass manchmal die langen bürokratischen Wege, die Unsicherheit und die Korruption nerven – aber irgendwie ist mir noch nie der Gedanke gekommen, dass ich in Deutschland bequemer und unbekümmerter leben könnte.

Meine Tage sind so reich angefüllt mit Begegnungen, die mir nicht erst seit meinem zweiten Einsatz hier in Peru sehr wertvoll geworden sind. Bischof Felix Genn hatte diese innere Berufung zu den Menschen hier irgendwie gespürt und mir erlaubt meine Zukunft als Priester hier in Peru in Angriff zu nehmen. Die Zelte in der alten Heimat sind jetzt abgebaut und ich muss wirklich sagen, dass dieser Schritt sehr spirituell und befreiend war. Hier muss ich nun wohl aufpassen, dass meine Zelte nicht zu vollgepackt werden – weil mich die reichen Armen dieses Landes tagtäglich lehren wie wenig der Mensch doch braucht, um glücklich zu sein und Erfüllung zu finden. Mein Traumziel bei den reichen Armen hier ist dabei mir zur Heimat zu werden, so wie es für unsere Kirche eine vorrangige Option ist, diese Armen zu begleiten. Arm, wenn sie im Knast an multiresistenter TBC sterben, arm, wenn sie sich mit billigen Drogen vollstopfen, um den Schmutz und Gestank zu vergessen, arm, wenn die Schätze dieses Landes billig auf den Märkten dieser Welt verhökert werden ohne die Mägen der Menschen hier zu füllen. Peru ist ein armes Land. Meine Ohren hören täglich die Schreie nach Brot und Gerechtigkeit und doch sieht mein verliebtes Herz einen Reichtum, der mir zum Geschenk wird, menschlich, göttlich – ein anderer Traum.