Zwischenbilanz – Einige Fragen an den Padré

Was verschlägt ein Kind des Ruhrgebiets nach Peru?

Über die Eine Welt Gruppe meiner Heimatgemeinde St. Elisabeth in Bochum-Gerthe hatte ich schon früh Kontakt zu einem Bischof in Cajamarca in Peru. 1991 verbrachte ich in seiner Diözese meine zwei Freisemester. Da hat mich Peru und seine Leute gepackt. Als Kaplan durfte ich dann 5 Jahre im Süden der Anden eine Pfarrei mit 60 Kirchen leiten. Ich war nicht allein, sondern im Team mit einer deutschen Gemeindereferentin und vielen Laienmissionaren. Nach 5 Jahren im Bistum Essen hatte Bischof Genn meine Berufung in die peruanische Kirche erkannt und mich erneut für die Aufgabe als Gefängnispfarrer gehen lassen. Und ich fühle, dass hier mein Ort ist, wo ich als Priester kreativ arbeiten kann und sehr gebraucht werde.

Sie waren ja schon einmal für einige Jahre dort und waren als Padre Norberto Pfarrer in einem kleinen Ort für ein sehr großes Pfarrgebiet zuständig. Wie kommt man dann darauf dieses normale Leben einzutauschen gegen Ihre neue Arbeit im größten Männergefängnis Perus, größer könnten die Gegensätze doch nicht sein?

In der Bergpastoral habe ich einen guten Nachfolger und ich habe auch in den 5 Jahren gesehen, dass viele Menschen die Berge verlassen, um in der Stadt ihr Glück und Arbeit zu suchen. Deshalb war für mich die Entscheidung in die Hauptstadt zu gehen nur logisch. Ein Freund erzählte mir von seinen Erfahrungen in der Gefängnispastoral in den Zentralanden und hier in Lima fand ich in Bischof Norbert Strotmann einen Bischof, der mich gerne in diesem Bereich arbeiten lässt.

Wie sieht Ihre Arbeit im Gefängnis aus, was machen Sie dort, feiern Sie nur den Gottesdienst oder gibt es eine Begleitung und Programm für die Insassen?

Ich feiere Sonntags den Gottesdienst mit 400 Männern und darüber hinaus in den einzelnen Baracken, wenn es gewünscht ist. Die Arbeit der Sozialpastoral beinhaltet aber auch Sakramentenkatechese, Bibelkurse und viele andere Kurse, die den Gefangenen beim Drogenentzug, bei der Selbstfindung und der Resozialisierung unterstützen wollen. Wir arbeiten mit 30 Ehrenamtlichen Personen zusammen. Es gibt sehr viele Einzelgespräche. Bei zur Zeit 7600 Gefangenen nimmt das einen großen Teil der Zeit in Anspruch.

Wie begegnen Sie den Gefangenen, d. h. wie gehen Sie auf diese Menschen zu und wie gelingt es Ihnen, Zugang zu ihren Herzen zu erhalten bzw. Sie zu motivieren?

Als Menschen von der Kirche haben wir hier einen kleinen Vertrauensvorschuss. Trotzdem würden wir nie nach dem Verbrechen der Leute fragen. Das ergibt sich im Gespräch und zudem belügen sich viele Leute hier ja selbst und bauen sich wegen ihrer großen Schuld eine reine Identität zurecht. Ich spüre erst einmal eine große Zuneigung und Dankbarkeit für unsere Präsenz inmitten von Räubern, Mördern, Entführern und Vergewaltigern. - Ich stelle mir vor, dass Sie andere Vorgehensweisen entwickeln müssen als in einer Gemeinde. NN: Es ist schon alles etwas essenzieller. Natürlich kümmern wir uns um die Sakramente. Aber durch unseren Einsatz können wir auch drogenabhängige Jugendliche begleiten und TBC Kranke aufpäppeln oder so Manchem einen alternativen Lebensweg vorschlagen. Es geht handfest und oft auch ganz schön rau zu.

Wie unterscheidet sich Ihre seelsorgerische Arbeit im Männergefängnis von der in unseren Gemeinden im Einzelnen?

Wir können nur von 9 Uhr bis 16 Uhr im Gefängnis sein. Uns stehen alle Blöcke und alle Zellen offen und alle Gefangenen bewegen sich frei im Knast. Die restliche Zeit und an Besuchstagen betreuen wir Familienangehörige. Absprachen und Termine platzen oft wieder, da die Polizei aus Sicherheitsgünden, die Gefangenen nicht an den Terminen teilnehmen lässt. Es ist eher eine spontane, kreative aber dann auch sehr intensive Arbeit. Der Knast hat seine eigene Sprache. Man trifft alle an und muss sich nicht lange rechtfertigen, sondern meistens kommen einem die Anliegen der Leute schon auf der Schwelle entgegen.

Wie schützen Sie sich?

Ich zieh mir ein schwarzes T-shirt an, damit auch die Neuen wissen, dass ich Padre bin und geh mit den anderen vom Team raus, wenn sich Konflikte zwischen den Baracken ankündigen.

Haben Sie manchmal Angst?

Gäste sind durch einen strengen Verhaltenskodex der Gefangenen selbst geschützt und willkommen. Es gibt in allen Baracken Leute, die uns helfen und uns informieren. Im Seelsorgeteam kommt so etwas wie Angst nicht auf. Schwester Ana hat mehr Angst vor Erdbeben, als dass sie nach 34 Jahren hier, die Gefangenen fürchtet.

Hört Ihre Arbeit an den Gefängnismauern auf? Was passiert mit den Leuten, wenn Sie das Gefängnis verlassen? Hören Sie dann noch von Ihren Schützlingen?

Auf unserem Minibus steht meine Handynummer und auch so gibt es immer wieder viele Kontakte mit besorgen Angehörigen. Wir sind auch für diese da. Die Jugendlichen von der Drogenrehabilitation ANDA werden auch nach ihrer Entlassung weiter von uns betreut. Sie und ihre Verwandten werden von uns beim Schritt in ein verändertes Leben begleitet.

Wie steht der Staat zu Ihrer Arbeit? Müssen Sie sich alles erkämpfen oder toleriert oder unterstützt sogar Ihre Arbeit?

Wir haben konkrete Vereinbarungen mit dem Justizministerium und der Bischof kämpft im Notfall für uns auf dieser Ebene. Ansonsten liegt unser Geschick oft in der Hand der jährlich wechselnden Direktoren des Knastes. Im Moment ist das Verhältnis gut, auch wenn der gesamte Rechsaparat von Korruption gekennzeichnet ist.

Die weiblichen Leser interessiert bestimmt auch die Frage, ob es auch ein Frauengefängnis gibt und ob dort auch eine seelsorgliche Begleitung erfolgt.

Es gibt sogar mehrere Frauengefängnisse in Lima, und auch mehrere Männergefängnisse. Auf dem Boden unserer Diözese Chosica liegt jedoch keines, sodass ich es nur mit Männern zu tun habe. Das ist jedoch auch die große Mehrheit der Gefangenen in Peru.

Wie und von wem werden Sie in Ihrer Arbeit unterstützt?

Der Bischof hat einen Koordinator für die Sozialpastoral, der uns jede Woche besucht. Einige Schwestern unterstützen unser Antidrogenprogramm ein wenig. Da sind wir immer auf der Suche nach verlässlicher Finanzhilfe. In diesem Jahr fehlen uns 20.000,-€, um alle notwendigen Stellen dafür bezahlen zu können. Von Adveniat habe ich in diesem Jahr eine Hilfe für die Zusatzversorgung der schlimmsten Fälle von Aids und TBC bekommen. Meine Rundbriefleser unterstützen mich bei einmaligen Anschaffungen und Hilfsprojekten außerhalb der Gefängnisarbeit.

Wie verkraften Sie so eine psychische belastende Arbeit, wie gehen Sie selbst damit um?

Ich wohne in einer ruhigen Gegend und liebe es zu kochen oder Essen zu gehen. Mit dem Team unternehmen wir gemeinsame Ausflüge und auch so habe ich viele Freunde in Lima. Ich muss mir abschminken, jedem Bedürfigen wirklich helfen zu können. Dafür ist die Not zu groß und die Situation so macher Krimineller und Drogenabhängiger einfach zu verfahren. Mich trägt die Gewissheit, auf der Seite der Gerechtigkeit zu stehen und dafür zu kämpfen.

Wie erhalten Sie Ihre Motivation? Ich stelle mir vor, dass es manchmal wirklich schwierig ist, bei all dem Elend zu bestehen und nicht selber zu verzweifeln.

Mich motiviert das Glaubenszeugnis der Menschen hier und auch die Verbindung mit meinen Rundbrieflesern, die großes Interesse an meiner Arbeit haben. Ich habe eine dicke Haut und denke positiv. Manchmal vielleicht auch zu positiv mit einer rosaroten Brille, aber das hilft mir im täglichen Trott.

Wie kann man als Deutscher einem Gefangenen in Peru helfen?

Einem Einzelnen sollte man erst einmal gar nicht helfen wollen, denn das würde nur Neid und Übervorteilung sähen. Wir arbeiten hier nicht existenzialistisch und verschenken recht wenig. Selbst für die Medizin sollte möglichst etwas bezahlt werden, denn ansonsten wird sie gleich in Drogen eingetauscht. Wer unsere Existenz hier im Gefängnis von San Juan de Lurigancho finanziell unterstützt und besonders unser Antidrogenprogramm, der tut mehr, als nur den sog. Tropfen auf den heißen Stein zu gießen.

Was passiert genau mit dem Geld aus dem Verkauf der Fingerpuppen?

Der Fingerpüppchenverkauf unterstützt meinen Regenbogenfonds. Dieser hilft Menschen in allen Notlagen, sowohl im Gefängnis, wie auch in verschieden Orten und Gemeinden, die ich im Laufe meiner Zeit in Peru kennengelernt habe. Zur Zeit geht der größte Teil des Fonds in die Sozialarbeit der Gefängnisseelsorge. Aber zum Beispiel haben wir im Juni auch einigen Schwestern im Dschungel bei ihrer Behindertenarbeit helfen können.

Kann man auch direkt spenden?

Ja sicher, und es gibt auch eine Spendenquittung Eure Spende für eine ganzheitliche Pastoral in Peru: Bildung - Gesundheit - Gefängnis - Katechese - Landwirtschaft - Notfälle - ect. Kath. Pfarrei St. Nikolaus Konto: 2000 243 020 Pax Bank Essen (BLZ 370 601 93) Verwendungszweck: Regenbogen - Peru

Wie ist das Rechtssystem in Peru, gibt es viele unschuldig Inhaftierte? Gibt es Korruption?

Wir leben in einer Demokratie, aber die Korruption ist sehr groß. Wenn jemand zahlt, kann es schon mal sein, dass sein Widersacher ins Gefängnis geht oder auch , dass er selbst früher frei kommt. 40% der Leute bei uns sind noch ohne Rechtsurteil und das kann schon mal einige Jahre dauern. Das ist das zermürbendste hier.

Wird die Würde in Inhaftierten in diesem Gefängnis bewahrt? Wenn nicht, was muss passieren, damit sie gewahrt bleibt? Was können wir Deutschen speziell dafür tun?

Die Justizministerin betont, dass man keinem Gefangenen die Würde nimmt, sondern die Freiheit. Es gibt viele Wege als Gefangener sein Recht einzuklagen. Im Einzelfall macht es das korrupte System ein wenig schwerer, aber nicht unmöglich. Unser Ort ist an der Seite der Gefangenen. Ein öffentliches Anklagen der korrupten Verhältnisse von Seiten der Pastoral nähme uns diese Möglichkeit. Vom Ausland aus ist es jedoch wichtig, in besonderen Fällen mit Hilfe von Amnesty International und anderen Gruppen für Gerechtigkeit zu sorgen.

Wie sind die medizinischen Verhältnisse in diesem Gefängnis? Werden Medikamente oder medizinisches Personal benötigt?

Einige Ärzte behandeln die Gefangenen sehr herablassend. Die Medizin zur Behandlung von Aids und TBC sind vorhanden. Bei OP´s die ein Gefangener nicht durch seine Familie finanzieren kann, geben wir einen Teil dazu. Jede Baracke hat eine Sozialarbeiterin, die sich um die Kranken kümmert. Im Knast ist ein eigenes Krankenhaus. Wir unterstützen besonders die psychiatrischen Gefangenen.